Beschreibung
Die Kreuzwegbilder in der röm.-kath. Kirche St. Johannes Baptist in Medebach (Deifeld) bieten eine Darstellung der Leidensgeschichte Jesu, die bei genauerer Betrachtung problematische Implikationen offenbart. Sie verlagert die Verantwortung für die Hinrichtung des Jesus von Nazareth auf Jüdinnen und Juden und reproduziert damit die judenfeindliche Gottesmordlegende.
Die erste Station erlaubt den Blick in den Palast des Pontius Pilatus, welcher sich symbolisch die Hände in Unschuld wäscht, während Jesus von einem römischen Soldaten abgeführt wird. Nach der zweiten Station verschwindet jede Spur römischer Präsenz. Stattdessen übernehmen von diesem Moment an ausschließlich Personen, die durch Barttracht, Kopfbedeckungen und andere Attribute als jüdisch identifiziert werden müssen, die Verantwortung für das weitere Geschehen.

Besonders ins Auge sticht dabei eine Figur, die auf einem der Bilder Anweisungen zu geben scheint. Sie trägt ein Brustschild sowie eine Kopfbedeckung mit hebräischen Schriftzeichen, deren Bedeutung zwar ungeklärt ist, die jedoch möglicherweise eine Anspielung auf das Stirnblatt des jüdischen Hohepriesters darstellt. Nach Exodus 28,36 trug dieses die Inschrift „Heilig dem HERRN“ (קֹדֶשׁ לַיהוָה / Qodesh la-YHWH) – ein Zeichen der besonderen Weihe an Gott. Unzweifelhaft aber handelt es sich hier um die Darstellung eines hohen jüdischen Würdenträgers, der das Geschehen zu dirigieren scheint.

Auch in der Szene der Kreuzannagelung sind keine römischen Soldaten oder Symbole zu erkennen. Die anwesenden Personen werden durch ihre Kleidung und Attribute entweder als jüdisch oder als neutral dargestellt, was die Verantwortung für die Kreuzigung insgesamt auf die jüdische Gemeinschaft verlagert.

Diese Darstellung steht jedoch im Widerspruch zu den kanonischen Evangelien, die klar benennen, wer für die Verurteilung und Hinrichtung Jesu verantwortlich war: Pontius Pilatus, der römische Statthalter, verurteilte Jesus zum Tod am Kreuz, und römische Soldaten führten die Hinrichtung aus. Außerbiblische Quellen bestätigen zudem, dass allein die Römer das Recht besaßen, die Todesstrafe zu verhängen.1 Die Kreuzwegbilder reproduzieren damit die Gottesmordlegende, ein Narrativ, das Jüdinnen und Juden kollektiv für den Tod Jesu verantwortlich macht.
Diese Legende diente über Jahrhunderte als Rechtfertigung für judenfeindliche Vorstellungen und Verfolgungen. Die röm.-kath. Kirche hat diese Schuldzuweisung seit dem Zweiten Vatikanum (1962–1965) offiziell abgelehnt, insbesondere in der Erklärung Nostra Aetate (1965), die jede kollektive Schuldzuweisung an das jüdische Volk verwarf. Dennoch tragen Darstellungen wie die in Medebach (Deifeld) weiterhin zur Normalisierung solcher Vorstellungen bei.
Bei der Sichtung der Bilder vor Ort fanden sich keine Maßnahmen der Kontextualisierung – keine erläuternden Texte, keine Hinweise auf die historische oder theologische Problematik der Darstellung. Eine solche Aufklärung ist jedoch dringend notwendig, um Missverständnisse zu vermeiden und vor der unbewussten Übernahme antijüdischer Stereotype zu bewahren. Um dem entgegenzuwirken, ist es erforderlich, die Bilder durch erläuternde Texte zu ergänzen, die den historischen Kontext erklären und auf die Problematik der Darstellung hinweisen.
Fußnoten
1 vgl. Theißen, Gerd / Merz, Annette (2011): Der Historische Jesus, Göttingen, S. 500; Johannes 19,23













