Antisemitische und anti-schwarz-rassistische Darstellungen auf Kreuzwegstationen, röm.-kath. Kirche St. Antonius Einsiedler, Wiemeringhausen

Beschreibung

Die Kreuzwegbilder in der römisch-katholischen Kirche St. Antonius Einsiedler in Wiemeringhausen zeigen auffällige Parallelen zu den bereits von spuren-sichtbar-machen.de dokumentierten Kreuzwegbildern von Franz Kaup in der Kirche St. Laurentius in Brilon (Rösenbeck). Es liegt die Vermutung nahe, dass die Bilder in Wiemeringhausen entweder direkt auf Kaups Werke zurückgreifen oder beide auf eine gemeinsame Vorlage verweisen. Unabhängig von der genauen Entstehungsgeschichte transportieren die Darstellungen jedoch antisemitische und rassistische Stereotype, die tief in den problematischen Bildtraditionen des 19. und 20. Jahrhunderts verwurzelt sind.

Der oder die Urheber:innen bedienen sich bei der Darstellung von Figuren, die als jüdisch gelesen werden müssen, dabei physiognomischer Stereotype, die seit dem späten 18. Jahrhundert zur rassistischen Abgrenzung von Jüdinnen und Juden genutzt wurden. Dazu zählen gebogene Nasen, ein geringer Augenabstand und markante, überzeichnete Gesichtszüge. Diese Merkmale werden mit rassistischen Unterstellungen verbunden, wie Hinterlistigkeit, Verschlagenheit, Triebhaftigkeit, Unbelehrbarkeit sowie dem vermeintlichen Wirken im Verborgenen. Besonders deutlich wird dies im direkten Vergleich zu den als nicht-jüdisch dargestellten Protagonisten. So trägt etwa die Person, die auf einer der Kreuzwegstationen die Kreuzannagelung durchführt, genau diese als „jüdisch“ markierten Merkmale. Zwei weitere in der Szene dargestellte Personen – ein römischer Soldat und ein Zivilist, der Jesus stützt – blicken zu einem als jüdisch markierten Würdenträger, als erteile dieser Anweisungen.


Hier wird der Mythos des Gottesmordes durch „die Juden“ reproduziert – eine Erzählung, die historisch widerlegt ist. Laut Johannes 19,23 waren es römische Soldaten, die auf Anweisung des römischen Statthalters Pontius Pilatus die Kreuzigung Jesu vollzogen. Auch außerbiblische Quellen bestätigen, dass allein die Römer das Recht hatten, die Todesstrafe zu verhängen.1 Für Jüdinnen und Juden galt die Kreuzigung dagegen als Zeichen des Verfluchtseins durch Gott.2 Die Darstellung dieser Stereotype ist bis heute im zeitgenössischen Antisemitismus präsent und trägt zur Verfestigung diskriminierender Narrative bei.3

Neben den judenfeindlichen Elementen finden sich in den Kreuzwegbildern auch zwei Schwarze Personen, deren Darstellung auf rassifizierende Stereotype zurückgreift. Besonders die Figur auf der 7. Station bedient sich kolonial geprägter Klischees. Die Mimik entspricht dem Bild des „Wilden“ und „Ungezähmten“, das mit negativen Verhaltensweisen und Mentalitäten assoziiert wird und eine wertend gemeinte Andersartigkeit suggeriert. Diese Darstellungen stehen in der Tradition der kolonialen Abbildung von Menschen afrikanischer Herkunft und dienen der Konstruktion eines Gegensatzes zu Europäer:innen. Solche Stereotype wurden historisch als Rechtfertigung für koloniale Herrschaft genutzt. Aus postkolonialer und rassismuskritischer Perspektive ist dies als problematisch zu bewerten, da die Abbildungen „rassistisches Wissen“ der Betrachter:innen bestätigen oder formen und so die Diskriminierung nicht-weißer Menschen fördern.

Bei der Sichtung der Bilder in Wiemeringhausen konnte keine Kontextualisierung der Werke vor Ort festgestellt werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit den dargestellten Inhalten ist jedoch dringend notwendig, um die darin transportierten Vorurteile und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart zu verstehen und zu hinterfragen. Die Kreuzwegbilder in St. Antonius Einsiedler in Wiemeringhausen sind ein Beispiel dafür, wie visuelle Kunst zur Verfestigung diskriminierender Narrative beitragen kann. Sowohl die antisemitischen als auch die rassistischen Darstellungen sind kein Relikt der Vergangenheit, sondern wirken bis heute nach. Eine kritische Aufarbeitung dieser Werke ist daher unabdingbar.


Eine ausführliche Darstellung der Entstehung und Entwicklung der Gottesmordlegende von der Zeit der Entstehung des neuen Testaments bis ins 20. Jahrhundert ist hier zu finden: Die Gottesmordlegende – Grundlage für judenfeindliche Passionsdarstellungen über Jahrhunderte

Fußnoten

1 vgl. Theißen, Gerd / Merz, Annette (2011): Der Historische Jesus, Göttingen, S. 500
2 vgl. Dtn 21,23; Gal 3,13
3 vgl. Schäfer, Julia (14.9.2004): Der antisemitische Stereotyp. Über die Tradition des visuellen „Judenbildes“ in der deutschsprachigen Propaganda, in: Zukunft braucht Erinnerung, in: https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/der-antisemitische-stereotyp/, Stand: 3.7.2026

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