Reproduktion der judenfeindlichen Gottesmordlegende auf Kreuzwegbildern, röm.-kath. Kirche St. Katharina, Olsberg (Assinghausen)

Beschreibung

Die kanonischen Evangelien benennen klar die Verantwortlichen für die Festnahme, Verurteilung und Kreuzigung Jesu: Pontius Pilatus, der römische Statthalter, verurteilte Jesus zum Tod am Kreuz, und römische Soldaten führten die Hinrichtung aus.1 Außerbiblische Quellen bestätigen, dass allein die Römer das Recht zur Verhängung der Todesstrafe besaßen. Für Jüdinnen und Juden galt die Kreuzigung zudem als Zeichen des Verfluchtseins durch Gott.2

Die Kreuzwegstationen in St. Katharina in Assinghausen reproduzieren dennoch die Gottesmordlegende, indem sie die Verantwortung und Durchführung der Kreuzigung Jesu auf Jüdinnen und Juden verlagern.

Auf dem ersten Bild wäscht Pontius Pilatus seine Hände „in Unschuld“.3 Die Person, die Jesus abführt, trägt eine Kopfbedeckung, die an den sogenannten „Judenhut“ erinnert – ein im christlichen Europa ab dem Mittelalter verbreitetes antijüdisches Stereotyp.

Eine ähnliche Darstellung findet sich etwa in William Blakes Stich „Joseph of Arimathea Among the Rocks of Albion“ (1773), was zeigt, dass diese Form der Kopfbedeckung plausibel als Markierung von Juden gedeutet werden kann. Auffällig ist, dass keine römischen Soldaten zu sehen sind. Pontius Pilatus selbst trägt einen Turban, der im Kontext der Darstellung als Hinweis auf „Orientalen“ und damit auch auf Juden gedeutet werden kann. Schon hier wird diese Verantwortungs- und Durchführungsverlagerung suggeriert.

Auf den folgenden Stationen tauchen immer wieder Personen mit ähnlichen Kopfbedeckungen auf – ein wiederkehrendes visuelles Markierungsmerkmal, das auf jüdische Würdenträger sowie die Kreuzigung durchführende jüdische Personen verweisen soll. Diese jüdischen Würdenträger wirken nicht als passive Beobachter, sondern scheinen das Geschehen anzuleiten oder zu überwachen. Römische Soldaten sind nur an vier Stationen zu erkennen und wirken dort eher als Begleiter denn als handelnde Akteure. So entsteht der Eindruck, die Verantwortung für die Kreuzigung Jesu liege nicht bei den Römern, sondern bei Jüdinnen und Juden.

Die Kreuzwegbilder in St. Katharina tragen so zur Normalisierung judenfeindlicher Vorstellungen bei. Bei unserem Besuch fanden wir keinerlei Maßnahmen zur Kontextualisierung der Werke vor. Eine kritische Auseinandersetzung mit den dargestellten Stereotypen und ihrer Wirkung wäre jedoch dringend notwendig, um die Weiterverbreitung antisemitischer Narrative zu verhindern.


Eine ausführliche Darstellung der Entstehung und Entwicklung der Gottesmordlegende von der Zeit der Entstehung des neuen Testaments bis ins 20. Jahrhundert ist hier zu finden: Die Gottesmordlegende – Grundlage für judenfeindliche Passionsdarstellungen über Jahrhunderte

Fußnoten

1 vgl. Johannes 19,23; Theißen, Gerd / Merz, Annette (2011): Der Historische Jesus, Göttingen, Seite 500
2 vgl. Dtn 21,23; Gal 3,13
3 vgl. Mt 27,24; 5. Mose 21,6–9

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