Judenfeindliche Reliefs auf dem Taufstein der evangelischen St. Georgskirche, Dortmund-Aplerbeck

Beschreibung

Der spätromanische Taufstein der heute evangelischen Georgskirche in Dortmund-Aplerbeck, um 1200 entstanden, gehört zu den frühesten Beispielen judenfeindlicher Bildsprache in der kirchlichen Kunst in NRW. Auf dem Taufstein sind fünf neutestamentliche Szenen angeordnet, die ausgehend von Jesu Geburt in zwei Richtungen erzählen: Links, der Abfolge im Matthäusevangelium folgend, die Heiligen Drei Könige und der Kindermord zu Bethlehem; rechts, als zentrale Punkte aus dem Leben Jesu, seine Taufe und seine Kreuzigung. Auffällig ist, dass mehrere Figuren des Reliefs mit sogenannten Judenhüten als jüdisch gekennzeichnet sind – ein Detail, das das vierte Laterankonzil von 1215 vorwegnimmt, auf dem Juden verpflichtet wurden, äußere Kennzeichen zu tragen. Die bildliche Markierung von Juden durch das Kleidungssymbol des Judenhuts war um 1200 in der Kunst bereits geläufig.

Die erste Szene zeigt in klassischer byzantinischer Anordnung die Geburt Christi. Maria liegt im Wochenbett, ihre offenen Zöpfe sind Zeichen ihrer Jungfräulichkeit. Sie blickt die Betrachtenden an und deutet auf die Krippe. Das Kind ist kreuzförmig gewickelt und blickt zu seiner Mutter. Die Doppelfenster auf der Krippe beziehen sich vermutlich auf die Geburtskirche in Bethlehem, die von den Kreuzfahrern 1161–1169 restauriert worden war. Über der Krippe beugen sich Ochs und Esel zum Futter und zum Heiland; darüber steht der Stern zu Bethlehem.

Ein Steinrelief, das einen bärtigen Mann auf einem Thron zeigt, der eine Person beobachtet, die ihm ein kleines Architekturmodell darbringt. (Text mit KI erstellt)

Bemerkenswert ist die Darstellung Josefs: Er sitzt auf einem gedrechselten Stuhl und wendet sich von Jesus ab, wirkt wie abwesend. Sein Kopf ist nachdenklich aufgestützt, der Bart als Zeichen seiner Ehrwürdigkeit in zwei Teilen geflochten. Auf dem Kopf trägt er einen sogenannten Judenhut. Der heutige Zustand des Reliefs kann zudem den Eindruck erwecken, Josef habe die Augen geschlossen. Historische Fotografien des Objekts zeigen jedoch, dass dieser Eindruck dem Erhaltungszustand geschuldet ist.

Steinrelief, das einen bärtigen Mann darstellt, der eine Hand an das Kinn legt, umrahmt von einer gewölbten Zierleiste. (Text mit KI erstellt)

Ausschnittvergrößerung einer historischen Aufnahme des Taufsteins in der Georgskirche in Dortmund-Aplerbeck; hier das Gesicht des Josef. Urheber: Albert Ludorff © LWL-DLBW

Die Aussagerichtung dieser Figurenanordnung wird auch bei geöffneten Augen Josefs durch eine vergleichbare Darstellung auf dem 1175 entstandenen Heribertschrein des Klosters Deutz deutlich, in dessen Eigentum die Georgskirche zu jener Zeit stand: Ein Jude kann aufgrund seiner geistigen Blindheit das ihm geoffenbarte wahre Licht Christus nicht erkennen. In der Geburtsszene trägt Josef einen Judenhut und blickt nicht auf den neugeborenen Heiland – die ikonographische Botschaft an den mittelalterlichen Betrachter ist eindeutig: Der „Jude” Josef erkennt Christus nicht als das Licht der Welt, das ihm unmittelbar vor Augen steht. Auch wenn der Eindruck geschlossener Augen heute nicht der ursprünglichen Gestaltung entspricht und entfernt etwa an Ecclesia-Synagoga-Darstellungen erinnern könnte, in denen die Synagoge mit verbundenen oder gesenkten Augen die falsche Religion verkörpert, bleibt die Grundkonstellation der Szene – Abwendung, Zweifel an der jungfräulichen Geburt, Markierung durch den Judenhut – Teil einer Bildsprache, die jüdische Figuren als verblendet und ungläubig kodiert.

Die Szene der Heiligen Drei Könige wird in diesem Beitrag nicht besprochen. Die dritte Szene zeigt den Kindermord zu Bethlehem. Zwei Soldaten stehen vor König Herodes: Der erste schneidet einem Baby mit dem Schwert die Kehle durch; ein weiteres Kind liegt ihm bereits zu Füßen und ragt leicht über den unteren Bildrand hinaus. Der zweite Soldat hält ein Kind dem König entgegen. Möglicherweise wird damit eine fortlaufende Szene in zwei Bildern dargestellt. Alle drei Kinder sind wie Jesus kreuzweise gewickelt – ihr Tod wird so bereits ikonographisch mit dem Kreuzestod Christi parallelisiert.

Interessant ist in diesem Kontext, dass Herodes und seine Soldaten ohne Judenhut dargestellt sind. Historisch war Herodes der Große weder Jude noch Römer im strengen Sinne – und doch in gewisser Weise beides: Ethnisch war er Idumäer und stammte mütterlicherseits aus einer nabatäischen Linie. Die Idumäer waren zum Judentum übergetreten; religiös galt Herodes daher als Jude, wurde aber von der jüdischen Bevölkerung nie wirklich als solcher akzeptiert. Politisch war er Römer: 40 v. Chr. vom römischen Senat zum „König der Judäer” ernannt, war er ein Klientelkönig Roms, abhängig von der Gunst des Marcus Antonius und später des Augustus.

Ein Steinrelief, das mehrere Figuren in Tuniken zeigt, die in einer Abfolge miteinander interagieren, vor dem Hintergrund dekorativer Bögen. (Text mit KI erstellt)

Auch die Szene der Taufe Jesu zeigt keine als jüdisch markierten Figuren. Jesus wird von Johannes dem Täufer im Fellgewand getauft – nicht wie üblich in einem Fluss, sondern in einem zylinderförmigen Taufbecken, das deutlich auf das liturgische Taufbecken verweist, an dem der Stein selbst steht. Im Symbol der Taube berührt der Heilige Geist Jesus am Kopf. Auffällig ist die Figur rechts neben der Taufszene: Statt wie üblich ein Engel, der ein Taufgewand in den Händen hält, steht dort ein Heiliger mit einem Palmzweig als Zeichen seines Martyriums, der den Betrachter freundlich anblickt. Es könnte sich um Georg handeln, den Schutzheiligen der Kreuzritter und späteren Schutzpatron der Kirche. Die Gegenwart eines Kreuzritter-Heiligen in der Taufszene wäre kein Zufall, sondern verweist möglicherweise auf den historischen Kontext des Objekts: die Zeit der Kreuzzüge, in der die judenfeindliche Bildsprache des Taufsteins entstand.

Steinrelief, das die Kreuzigung Christi darstellt, flankiert von Soldaten und anderen Figuren. (Text mit KI erstellt)

Die letzte Szene des Taufsteins zeigt die Kreuzigung Jesu – und sie enthält die zentrale judenfeindliche Aussage des Objekts. Entgegen den Berichten der Evangelien, in denen Jesus von römischen Soldaten gekreuzigt wird, treiben hier vier Menschen mit bösartigen Gesichtern und mit dem sogenannten Judenhut als jüdisch gekennzeichnet mit Hämmern Nägel durch Hände und Füße des Heilands. Jesus schaut, den Kopf leicht geneigt, den Betrachtenden an; sein Gesicht wird von einem Kreuznimbus umgeben. Seine Füße ragen wie die des ermordeten Kindes zu Bethlehem über den unteren Bildrand hinaus – die Bildlogik der kreuzweise gewickelten Kinder des Kindermords findet hier ihre Vollendung.

Dargestellt ist die Schuldzuweisung an die Juden: die im Zuge der Kreuzzüge wieder aufgeflammte Anschuldigung, die Juden hätten Jesus getötet. Diese Anschuldigung führte zu vielfachen Pogromen, Vertreibungen und Zwangstaufen. Indem der Steinmetz die römischen Henker durch Judenhut tragende Figuren ersetzte, nahm das Kunstwerk eine theologische Umdeutung vor, die historisch falsch war und blutige Konsequenzen hatte: Die Zurechnung der Kreuzigung an „die Juden” gehört zu den wirkmächtigsten und verhängnisvollsten Legenden der christlichen Judenfeindschaft und bildet über Jahrhunderte eine zentrale Rechtfertigung für Verfolgung und Gewalt.

Der Taufstein steht damit am Beginn einer Entwicklung, die sich im 13. Jahrhundert weiter verfestigte: Das 1215 – also wenige Jahre nach der Entstehung des Taufsteins – tagende vierte Laterankonzil verpflichtete Juden zum Tragen äußerer Kennzeichen.

Drei QR-Codes, die an einer Wand befestigt sind und von oben nach unten mit Triumphkreuz, Alter Taufstein und Altar beschriftet sind. (Text mit KI erstellt)

Als judenfeindlich bekannt ist dieser Taufstein in der Fachliteratur spätestens seit den 90er Jahren.1 Bei unserer Sichtung des Taufsteins vor Ort waren in der Nähe des Taufsteins drei kleine QR-Codes angebracht, die als „Triumpfkreuz”, „Alter Taufstein” und „Altar” bezeichnet sind und sonst keine weiteren Informationen tragen. Sie führen auf eine Internetseite „Rundgang durch die Georgskirche”, auf der die judenfeindliche Bildsprache des Taufsteins beschrieben wird.2

Als Kontextualisierung vor Ort ist dies nur schwer zu erkennen. Wer die QR-Codes nicht scannt oder kein Smartphone zur Hand hat, dem bleibt die judenfeindliche Bildsprache des Objekts vor Ort – sofern diese nicht von selbst erkannt wird – verborgen. Angesichts der Virulenz der dargestellten Schuldzuweisung – und angesichts der Tatsache, dass derartige Objekte judenfeindliche Stereotype in den sakralen Raum einschreiben – ist eine deutlich sichtbarere Kontextualisierung wünschenswert. Dass die Georgsgemeinde für 2027 Veranstaltungen zum Thema plant, ist ein wichtiges Signal; eine Informationsgestaltung, die die Problematik des Taufsteins ohne Umweg über ein Endgerät erkennbar macht, wäre eine Möglichkeit, das Verhüllen des judenfeindlichen Taufsteinreliefs wäre eine weitere.


Wir danken der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen für die Unterstützung bei der Recherche zu diesem Objekt sowie für die Erlaubnis zur kostenlosen Nutzung der historischen Aufnahmen von Albert Ludorff.

Fußnoten

1 vgl. Schreckenberg, Heinz (1996): Die Juden in der Kunst Europas, Göttingen
2 vgl. Evangelische Georgs-Kirchengemeinde Dortmund: Rundgang durch die Georgskirche, in: https://georgsgemeinde.de/treffpunkte/rundgang#c2454, Stand: 13.10.2026

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