Beschreibung
Die kanonischen Evangelien benennen klar die Verantwortlichen für die Festnahme, Verurteilung und Kreuzigung Jesu: Der römische Statthalter Pontius Pilatus verurteilte Jesus zum Tod am Kreuz, und römische Soldaten führten die Hinrichtung aus.1 Außerbiblische Quellen bestätigen, dass allein die Römer das Recht zur Verhängung der Todesstrafe besaßen. Für Jüdinnen und Juden galt die Kreuzigung zudem als Zeichen des Verfluchtseins durch Gott.2
Die Kreuzwegstationen in St. Margaretha in Paderborn-Dahl greifen dennoch auf judenfeindliche Narrative zurück, die eine Beteiligung von Jüdinnen und Juden an der Kreuzigung Jesu nahelegen.
Auf dem ersten Bild wäscht Pontius Pilatus seine Hände „in Unschuld“3, während Jesus von einer Person abgeführt wird, die weder eindeutig als römischer Soldat noch als Zivilist zu identifizieren ist. In der Bildkomposition gegenüber von Pilatus ist eine Figur zu sehen, die aufgrund ihrer Kleidung als jüdischer Würdenträger gelesen werden muss. Damit wird bereits hier eine jüdische Verantwortung am Geschehen suggeriert.

Im weiteren Verlauf des Kreuzweges sind zwar gelegentlich römische Soldaten zu erkennen, doch diese wirken teilweise eher als Begleiter denn als handelnde Akteure. Auffällig sind stattdessen Personen, die aufgrund ihrer Kleidung als jüdische Würdenträger zu identifizieren sind und den Ablauf der Kreuzigung zu observieren oder anzuleiten scheinen. Besonders deutlich wird dies im Bild der Kreuzannagelung: Hier sind keine römischen Soldaten zu sehen, dafür aber drei als jüdische Würdenträger markierte Personen. Bei Betrachter:innen kann so der Eindruck entstehen, dass die Kreuzigung von Jüdinnen und Juden verantwortet und geleitet wird.

Zusätzlich reproduzieren die Darstellungen rassifizierende Stereotype: Bei mehreren als jüdische Würdenträger identifizierten Personen sind physionomische Merkmale zu erkennen, die auf antisemitische Klischees der Entstehungszeit verweisen – etwa übertriebene Nasen oder wulstige Augen. Diese Merkmale dienen der Stigmatisierung und verstärken das Narrativ der „jüdischen Strippenzieher im Hintergrund“ sowie unterstellte Charaktereigenschaften wie Hinterlist, Habgier, Grausamkeit oder eine angebliche natürliche Neigung zu Betrug und Manipulation.

Die Kreuzwegbilder in Paderborn-Dahl tragen so zur Normalisierung judenfeindlicher Vorstellungen bei, indem sie die Verantwortung für die Kreuzigung Jesu subtil auf Jüdinnen und Juden verlagern.
Bei unserem Besuch zur Sichtung der Bilder fanden wir keine Maßnahmen zur Kontextualisierung der Werke vor. Eine kritische Auseinandersetzung mit den dargestellten Stereotypen und ihrer Wirkung wäre jedoch dringend notwendig, um die Weiterverbreitung antisemitischer Narrative zu verhindern.
Fußnoten
1 vgl. Theißen, Gerd / Merz, Annette (2011): Der Historische Jesus, Göttingen, S. 500; Johannes 19,23
2 vgl. Dtn 21,23; Gal 3,13
3 vgl. Mat 27,24; 5.Mo 21,6-9












