Reproduktion judenfeindlicher Mythen auf Kreuzwegstationen in Westbevern

Beschreibung

Das Todesurteil gegen Jesus von Nazareth wurde vom römischen Statthalter Pontius Pilatus gefällt und von römischen Soldaten ausgeführt. Dennoch zeigt die christliche Ikonografie seit Jahrhunderten immer wieder Darstellungen, in denen Jüdinnen und Juden als treibende Kraft hinter der Verurteilung und Hinrichtung Jesu erscheinen. Diese Bildsprache ist Ausdruck der sogenannten Gottesmordlegende, die Jüdinnen und Juden kollektiv die Schuld am Tod Jesu zuschreibt. Sie hat über Jahrhunderte zur Entstehung und Festigung antisemitischer Stereotype beigetragen und findet sich bis heute in sakraler Kunst. Der Kreuzweg in Westbevern stellt ein Beispiel für diese problematische Tradition dar.

Die Kreuzwegstationen wurden auf Initiative des Pfarrers Bernhard Tapke errichtet, der am 21. Juli 1856 beim Generalvikariat um Genehmigung für den Bau und eine Karfreitagsprozession bat. Das Generalvikariat erteilte die erforderlichen Genehmigungen bereits am 23. Juli 1856. Tapke führte das Vorhaben gemeinsam mit Vikar Bernhard Siemann und dem Theologiestudenten Christian Koppernagel aus; diese drei übernahmen auch die Kosten der 12. Station, deren Kruzifix ihren Namen trägt. Der Münsteraner Bildhauer Johann Adam Ney wurde mit der Ausführung beauftragt und lieferte die Arbeiten zum Fest des heiligen Johannes 1857. Die übrigen Stationen wurden von Westbeverner Familien und Einzelpersonen finanziert. Seit Karfreitag 1858 wird jährlich die Kreuzwegprozession durchgeführt. Eine erste Renovierung fand 1895 statt; nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Stationen 1 bis 10 (1920/21) und Station 11 (1934) erneuert. 1986 wurde die gesamte Anlage unter Denkmalschutz gestellt.1

Bereits die erste Station des Westbeverner Kreuzwegs zeigt, wie tief judenfeindliche Bildtraditionen in dieser Darstellungsform verwurzelt sind. Das Relief stellt die Szene aus dem Matthäusevangelium2 dar, in der Pontius Pilatus seine Hände „in Unschuld“ wäscht, während Jesus von einem römischen Soldaten abgeführt wird. Bei Matthäus schließt sich an diese Szene der sogenannte „Blutfluch“ an: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“.3 Diese Passage hat die Vorstellung genährt, die jüdischen Zeitgenossen Jesu und ihre Nachkommen trügen die Verantwortung für seinen Tod – eine Deutung, die zur Entstehung der Gottesmordlegende führte und von frühen Kirchenvätern wie Melito von Sardes, Origenes oder Tertullian verbreitet wurde.

Ein Steinrelief zeigt vier Figuren: einen sitzenden Mann auf der linken Seite, ein Kind, das eine Urkunde hält, und zwei stehende Männer, einer mit einer Dornenkrone, daneben ein römischer Soldat. Drapierte Vorhänge umrahmen den Hintergrund. ( )

Auf dem Relief der ersten Station erscheinen fünf Personen: Pontius Pilatus, ein junger Diener mit einer Waschschüssel, Jesus von Nazareth, ein römischer Soldat und im Hintergrund eine als jüdischer Würdenträger erkennbare Figur. Diese zeigt auf Jesus und wendet sich an Pilatus – eine Geste, die symbolisch Verantwortung und Schuld für das Todesurteil auf „die Juden“ verlagert. Damit reproduziert das Werk die jahrhundertealte, kirchlich geprägte Erzählung vom „jüdischen Einfluss“ im Hintergrund des Geschehens.

Steinrelief mit der Darstellung von Jesus, der ein Kreuz trägt, flankiert von drei römischen Soldaten und einer Frau, mit verwitterten und flechtenbedeckten Oberflächen. ( )

Auch die Reliefs der Stationen 2 und 3 greifen dieses Motiv auf. Dort sind ebenfalls Figuren dargestellt, die durch Kleidung, Kopfbedeckung und physiognomische Merkmale als „jüdisch“ lesbar gemacht werden. Sie erscheinen als Beobachter oder Strippenzieher des Geschehens und tragen so zur Verstärkung der Vorstellung bei, Jüdinnen und Juden seien für die Kreuzigung Jesu verantwortlich.

Eine steinerne Reliefskulptur zeigt Jesus, der ein Kreuz trägt und unter dessen Gewicht kniet, während zwei römische Soldaten in der Nähe stehen - einer hält das Kreuz, der andere hebt eine Peitsche - und ein bärtiger Mann zusieht. ( )

Der Bildhauer bediente sich bei der Gestaltung der „jüdischen“ Figuren an physiognomischen Stereotypen, die seit dem späten 18. Jahrhundert in der europäischen Kunst und Propaganda zur rassistischen Abgrenzung von Jüdinnen und Juden dienten. Dazu zählen gebogene Nasen, enger Augenabstand, markante Gesichtszüge sowie knochige, verkrümmte Finger.4 Diese Merkmale wurden und werden mit negativen Zuschreibungen wie Hinterlist, Verschlagenheit oder Triebhaftigkeit verknüpft. Die bewusste Gegenüberstellung solcher „jüdisch“ markierten Figuren mit den vermeintlich „unschuldigen“ christlichen Akteuren auf den Reliefs verdeutlicht, wie visuelle Kunst zur Festigung und Weitergabe antisemitischer Narrative beiträgt.

Bei einem Besuch vor Ort konnten keine Hinweise, Erläuterungen oder Kontextualisierungen zu den judenfeindlichen Darstellungen festgestellt werden. Damit verbleiben die antisemitischen Botschaften der Bildwerke unkommentiert im öffentlichen Raum. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Objekten wäre jedoch dringend geboten – nicht nur, um historische Verantwortung zu übernehmen, sondern auch, um die Wirkmacht solcher Darstellungen bis in die Gegenwart zu reflektieren.


Der Beitrag “Die Gottesmordlegende: Grundlage für judenfeindliche Passionsdarstellungen über Jahrhunderte” in unserem Kontextbereich stellt die Ursprünge und Entwicklungen der Gottesmordlegende ausführlich dar.

Fußnoten

1 vgl. Drücker, Franz (2009): Der Kreuzweg in Westbevern, in: https://westbeverner-krink.de/wp-content/uploads/2019/02/Der-Kreuzweg-in-Westbevern.pdf, Stand: 7.11.2025
2 vgl. Matthäus 27,24
3 vgl. Matthäus 27,25

4 vgl. Schäfer, Julia [14.9.2004]: Der antisemitische Stereotyp. Über die Tradition des visuellen „Judenbildes“ in der deutschsprachigen Propaganda, in: Zukunft braucht Erinnerung, in: https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/der-antisemitische-stereotyp/, Stand: 7.11.2025)

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