Antisemitische Abbildungen auf Kreuzwegstationen, Pfarrkirche St. Michael, Hagen

Beschreibung

Die Kreuzwegbilder in der römisch-katholischen Pfarrkirche St. Michael in Hagen zeigen  in ihrer Bildgestaltung deutlich Formen von Judenfeindschaft und Antisemitismus, die einer kritischen Einordnung bedürfen.

Auffällig ist die unterschiedliche Gestaltung der Physiognomien: Während Jesus und Maria deutlich an Schönheitsidealen der griechischen Antike orientiert erscheinen – harmonische Gesichtszüge, ruhige Mimik, edle Körperhaltung –, werden andere Figuren in markant abweichender Weise dargestellt. Insbesondere als jüdisch zu lesende Protagonisten weisen überzeichnete, wulstige Gesichtszüge auf, vor allem im Bereich der Augen und Lippen. Diese Darstellungsweise greift auf rassifizierende und judenfeindliche Stereotype zurück, wie sie sich seit dem 19. Jahrhundert in der europäischen Bildkultur verfestigten.

Jesus, der eine Dornenkrone und ein rotes Gewand trägt, steht barfuß vor Pontius Pilatus, während eine Menschenmenge wütend auf ihn zeigt. Pilatus gestikuliert in Richtung Jesus, während ein Kind und ein Wächter in der Nähe stehen. Die Szene ist angespannt und düster. ( )


Besonders deutlich wird dies in der ersten Kreuzwegstation: Pontius Pilatus wäscht demonstrativ seine Hände „in Unschuld“1, während im linken unteren Bildbereich ein aufgrund seiner Physiognomie klar als jüdisch zu lesender Mob die Verurteilung Jesu fordert. Durch diese Bildkomposition verschiebt sich die Verantwortung: Nicht die römische Besatzungsmacht erscheint als entscheidende Instanz, sondern „die Juden“ werden als treibende Kraft hinter dem Todesurteil inszeniert.

Diese Bildsprache reproduziert den sogenannten Gottesmordmythos – die Vorstellung einer kollektiven Schuld des jüdischen Volkes am Tod Jesu. In den folgenden Stationen treten römische Soldaten nur noch vereinzelt auf, meist am Bildrand oder im Hintergrund. Dominant sind hingegen Figuren, die entweder neutral gehalten oder durch Kleidung, Kopfbedeckungen und Physiognomie als jüdisch markiert sind. Unter ihnen erscheinen auch Autoritätspersonen, die als religiöse Führungspersonen identifizierbar sind. Die ikonografische Erzählweise legt nahe, dass das Geschehen maßgeblich durch jüdische Akteure bestimmt werde. Damit wird die Verantwortung symbolisch weiter verschoben und der Gottesmordmythos visuell bekräftigt.

Diese Deutung hat jedoch keine biblische Grundlage. Im Johannesevangelium (Joh 19,23) wird ausdrücklich erwähnt, dass römische Soldaten im Auftrag des Statthalters die Kreuzigung vollzogen. Auch außerbiblische Quellen bestätigen, dass allein die römische Besatzungsmacht die rechtliche Autorität zur Vollstreckung der Todesstrafe besaß.2 Dennoch verbreiteten frühchristliche Theologen wie Prudentius, Hilarius von Poitiers oder Ambrosius von Mailand die Vorstellung vom „Gottesmord“ durch Juden. Diese Zuschreibung diente der theologischen Abgrenzung und trug maßgeblich zur Diskreditierung des Judentums bei.3

Über Jahrhunderte hinweg prägte der Gottesmordmythos das christliche Judenbild. Er wurde zu einem zentralen Element kirchlich legitimierter Judenfeindschaft und wirkte weit über die Theologie hinaus als gesellschaftliches Instrument der Ausgrenzung. Die Vorstellung von den „Gottesmördern“ fand Eingang in Predigt, Kunst und Volksfrömmigkeit und wurde zu einem kulturellen Erbe, das antisemitische Denkweisen über Generationen hinweg stabilisierte. In der Geschichte diente diese Erzählung wiederholt zur Rechtfertigung von Diskriminierung, Verfolgung und Gewalt – bis hin zur Shoah.

Die Kreuzwegbilder in der Pfarrkirche St. Michael sind daher nicht allein Ausdruck religiöser Kunst ihrer Zeit, sondern auch Zeugnisse einer tief verankerten antijüdischen Bildtradition und des Antisemitismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihre öffentliche Präsentation im Kirchenraum macht eine sorgfältige, ortsbezogene Kontextualisierung erforderlich. Besucher:innen müssen über die judenfeindlichen Elemente informiert werden, um die Wirkung dieser Darstellungen verstehen und kritisch reflektieren zu können.

Zugleich bedarf es einer klaren Distanzierung von der in diesen Bildern enthaltenen Bildsprache. Die reproduzierten Stereotype und Schuldzuschreibungen widersprechen einem christlichen Selbstverständnis, das sich nach der Shoah neu zu jüdisch-christlichen Beziehungen positioniert hat. Kirche trägt hier Verantwortung: Sie ist gefordert, historische Zusammenhänge transparent zu machen und Räume für eine reflektierte Auseinandersetzung zu schaffen. Die Kreuzwegbilder dürfen daher nicht lediglich als historische Kunstwerke betrachtet werden. Sie sind Teil einer Wirkungsgeschichte, in der religiöse Bilder zur Stabilisierung judenfeindlicher Narrative beitrugen. Die Vorstellung einer kollektiven jüdischen Schuld am Tod Jesu sowie die Inszenierung jüdischer Akteure als treibende Kraft hinter Unheil gehören bis heute zu wirkmächtigen Elementen antisemitischer Ideologie. Diese Spuren sichtbar zu machen, ist Voraussetzung für ihre kritische Überwindung.

Fußnoten

1  vgl. Matthäus 27,24
2 vgl. Theißen, Gerd / Merz, Annette (2011): Der Historische Jesus, Göttingen, S. 500; vgl. Rohrbacher, Stefan / Schmidt, Michael (1991): Judenbilder, Reinbek, S. 8

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