Judenfeindliche Inschriften auf zwei Kreuzwegstationen, Willebadessen

Beschreibung

Kreuzwege veranschaulichen den Leidensweg Jesu Christi ausdrucksvoll in Bildern und Texten. Sie befinden sich in beziehungsweise bei beinahe jeder katholischen Kirche und symbolisieren die Leidensstationen Jesu Christi von seiner Verurteilung bis zur Kreuzigung.

Seit 1859 existieren die Kreuzwegstationen entlang des Weges zur Vitus-Kapelle, die bereits Ende des 17. Jahrhunderts errichtet wurde. Alljährlich wird die Vitus-Kapelle an Karfreitag und am Fest des heiligen Vitus im Juni zum Zielpunkt von Prozessionen, an denen sich mehrere hundert Personen beteiligen. Der Prozessionsweg führt vorbei an zwei Stelen mit judenfeindlichen Inschriften. Die Schmähverse tradieren Vorstellungen über Juden als Christusmörder. Juden werden als Kollektiv für das Martyrium Jesu Christi verantwortlich gemacht.

Die Kreuzwegstationen VII und VIII tragen folgende Inschriften:

VII
Ach! Da faellt mein
Jesus wieder Mit dem
Kreuz zur Erde nieder,
Und der Juden tobend
Heer Reißst Jhn grim
mig hin und her.

VIII
Töchter Sions weinet
minder über mich, doch
weinet
Ueber euch und eure
Kinder, da man mich
verneinet.

Die Inschriften drücken eine bereits von Paulus konstruierte kollektive Schuld der Juden am Tod Jesu Christi aus. Im 1. Thessalonicher 2,14 findet sich dieser Vorwurf. Paulus verbindet diesen Vorwurf mit antijüdischen Stereotypen, die aus antiken Ächtungstexten bekannt waren und sich auch im Tanach (vgl. Esther 3,8 ff.) niederschlugen. Paulus begründet diese Stereotype mit einem unterstellten Hindernis, welches die Juden der Verkündigung von Jesu Wort entgegenstellen würden.

Dies stellt unmissverständlich eine in Stein geschlagene Verleumdung und Beleidigung von Juden dar. Mehr noch: Juden werden als sadistische Folterer des Heilands charakterisiert und als Übel ausdrücklich benannt. Diese Inschriften bezeugen eine Tradition religiös begründeter Judenfeindschaft und sind eine Quelle des neuzeitlichen Antisemitismus.

Mit welcher Intensität die Ablehnung der Juden in der kirchlichen Liturgie verankert war, zeigt auch die Karfreitagsbitte für die Juden. Bis ins 20. Jahrhundert lautete sie: “Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.” Es folgte der Hinweis an den Vorbeter: “Hier unterlässt der Diakon die Aufforderung zur Kniebeugung, um nicht das Andenken an die Schmach zu erneuern, mit der die Juden um diese Stunde den Heiland durch Kniebeugungen verhöhnten.” Das sich anschließende Gebet lautete: “Allmächtiger ewiger Gott, du schließest sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Möchten sie das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn.”1

Im zeitlichen Kontext der Entstehung dieser Kreuzwegstationen ist es wichtig, an die sich gegen Jüdinnen und Juden richtenden Pogrome in der Region im Rahmen der Aufstände vom März 1848 zu erinnern.2


Fußnoten

1 vgl. Schröder, Barthel: “Blinde” Kirche, Katholische Kirchengemeinde St. Severin Köln, in: https://gemeinden.erzbistum-koeln.de/st-severin-koeln/Pfarrbrief/Pfarrbrief_2016_1/thema_04.html, Stand: 10.3.2023

2 vgl. Behr, Hans-Joachim (2000): Revolution auf dem Lande. Bauern und ländliche Unterschichten 1848/49, in: Westfälische Zeitschrift 150, in: https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/txt/wz-6118.pdf, Seite 66 ff., Stand: 10.3.2023

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