Vor drei Jahren, am 27. März 2023, ging die Webseite spuren-sichtbar-machen.de online. Was als bescheidenes Pilotprojekt für vier Objekte im Kreis Höxter begann, hat sich zu einer der wichtigsten Plattformen für die Dokumentation und Aufarbeitung judenfeindlicher Objekte in Nordrhein-Westfalen entwickelt. Heute, zum dreijährigen Jubiläum, blicken wir auf eine Entwicklung zurück, die alle ursprünglichen Erwartungen übertroffen hat.
Mit 37 veröffentlichten Spuren liegt die durchschnittliche Veröffentlichungsrate bei etwa einer Spur pro Monat – eine Zahl, die beim Start des Projekts niemand für möglich gehalten hätte. Doch selbst wenn ab heute keine weiteren Meldungen mehr eingehen würden, wäre die Arbeit für die nächsten fünf Jahre gesichert, da noch zahlreiche gemeldete Spuren auf ihre Aufarbeitung warten. Aus diesem Grund bleibt die geografische Konzentration auf Nordrhein-Westfalen und die hier ansässigen Landeskirchen und (Erz-)Bistümer weiterhin sinnvoll und notwendig.
Die Resonanz auf die Webseite ist weiter zunehmend: Rund 500 Menschen informieren sich derzeit monatlich über die dokumentierten Spuren und die Hintergründe judenfeindlicher Darstellungen. Erfreulich ist, dass das Interesse nicht auf Deutschland beschränkt bleibt. Neben Besuchenden aus ganz Europa erreichen uns auch Zugriffe insbesondere aus Israel, den USA und Kanada, was die globale Relevanz des Themas unterstreicht. In den letzten zwölf Monaten hat sich dieser internationale Austausch weiter vertieft. So gab es unter anderem einen Gastvortrag an der Universität Wien, bei dem das Projekt und seine Methodik vorgestellt wurden. Zudem kam es zu einem konstruktiven Dialog mit Vertretern der griechisch-orthodoxen Kirche in Athen. Solche Begegnungen zeigen, dass die Auseinandersetzung mit judenfeindlichen Spuren nicht nur lokal, sondern auch grenzüberschreitend geführt werden muss.
Bisher ist uns weltweit kein vergleichbares Projekt bekannt, das sich in dieser Form der Dokumentation und Aufarbeitung judenfeindlicher Spuren widmet. Zwar gibt es in anderen Bundesländern – etwa in Bayern – Überlegungen, ähnliche Initiativen zu starten, doch spuren-sichtbar-machen.de bleibt ein Vorreiter. Diese Einzigartigkeit bringt nicht nur Verantwortung mit sich, sondern auch die Chance, Standards zu setzen und andere Regionen zu inspirieren.
Ein zentraler Erfolgsfaktor des Projekts ist die enge Zusammenarbeit mit starken Partnern. Die Kooperation mit den Beratungsstellen für Antidiskriminierungsarbeit der jüdischen Gemeinden Düsseldorf (SABRA) und Dortmund (ADIRA) sowie der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus NRW (RIAS NRW) hat sich als besonders wertvoll erwiesen. Durch den regelmäßigen Austausch ist ein vertrauensvolles und effektives Netzwerk entstanden, das nicht nur die Arbeit des Projekts unterstützt, sondern auch die Sensibilisierung für das Thema in der Gesellschaft vorantreibt.
Ein weiterer Meilenstein war die Zusage der Antisemitismusbeauftragten des Landes NRW, das Projekt auch über das Jahr 2025 hinaus zu fördern. Damit ist nicht nur die finanzielle Zukunft von spuren-sichtbar-machen.de gesichert, sondern auch die Möglichkeit, die Arbeit langfristig und nachhaltig fortzuführen. Durch die Arbeit des Projekts ist die ada.kreis-höxter inzwischen Teil des Kompetenzverbundes Antisemitismus im Netzwerk ada.nrw. Diese Einbindung stärkt nicht nur die Position der Beratungsstelle, sondern ermöglicht auch eine engere Vernetzung mit anderen Akteur:innen, die sich gegen Antisemitismus und für eine Kultur des Erinnerns einsetzen.
Ein deutliches Zeichen für die Bedeutung des Projekts ist die steigende Zahl an Anfragen von Kirchengemeinden, die Unterstützung bei der Kontextualisierung judenfeindlicher Objekte vor Ort suchen. Dies zeigt, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wächst. Gleichzeitig muss jedoch konstatiert werden, dass die Mehrheit der Besitzer:innen solcher Objekte bis heute keine oder nur zögerlich Maßnahmen zur Kontextualisierung umsetzt. Die dafür genannten Zeiträume sind oft schwer nachvollziehbar und werfen Fragen auf: Warum dauert es so lange, Verantwortung zu übernehmen? Warum wird die Aufarbeitung verschleppt, obwohl die Notwendigkeit offensichtlich ist? Hier besteht weiterhin ein großer Bedarf an Sensibilisierung, Aufklärung und – nicht zuletzt – an politischem und gesellschaftlichem Druck.
Besonders bedauerlich ist, dass die vier judenfeindlichen Objekte, für die spuren-sichtbar-machen.de ursprünglich konzipiert wurde, bis heute keine Kontextualisierung vor Ort erfahren haben. Es ist dabei zu bemerken, dass das Projekt entstand, weil es zwischen 2021 und 2023 nicht gelungen war, eine Kontextualisierung dieser vier Objekte vor Ort zu bewirken. Man muss daher feststellen, dass es den Besitzer:innen dieser Objekte nun schon seit fünf Jahren nicht gelungen ist, sich in angemessener Form dazu zu verhalten.
Die nächsten Jahre werden zeigen, wie sich spuren-sichtbar-machen.de weiterentwickelt. Fest steht: Das Projekt hat sich als unverzichtbarer Akteur in der Aufarbeitung und Sichtbarmachung judenfeindlicher Objekte etabliert. Die Herausforderungen sind groß, doch die Erfolge der letzten drei Jahre geben uns Zuversicht. Wir werden weiterhin Spuren dokumentieren, Netzwerke stärken und Verantwortung einfordern. Denn nur durch eine konsequente Auseinandersetzung mit der Vergangenheit können wir eine Zukunft gestalten, in der Judenfeindschaft keinen Platz hat.


