Der spätromanische Taufstein der heute evangelischen Georgskirche in Dortmund-Aplerbeck, um 1200 entstanden, gehört zu den frühesten Beispielen judenfeindlicher Bildsprache in der kirchlichen Kunst in NRW. Auf dem Taufstein sind fünf neutestamentliche Szenen angeordnet, die ausgehend von Jesu Geburt in zwei Richtungen erzählen: Links, der Abfolge im Matthäusevangelium folgend, die Heiligen Drei Könige und der Kindermord zu Bethlehem; rechts, als zentrale Punkte aus dem Leben Jesu, seine Taufe und seine Kreuzigung. Auffällig ist, dass mehrere Figuren des Reliefs mit sogenannten Judenhüten als jüdisch gekennzeichnet sind – ein Detail, das das vierte Laterankonzil von 1215 vorwegnimmt, auf dem Juden verpflichtet wurden, äußere Kennzeichen zu tragen. Die bildliche Markierung von Juden durch das Kleidungssymbol des Judenhuts war um 1200 in der Kunst bereits geläufig.
Was als digitale Dokumentation judenfeindlicher Objekte zunächst im Kreis Höxter begann und heute in ganz NRW Resonanz erfährt, entfaltet mehr und mehr eine Wirkung, die über den virtuellen Raum weit hinausreicht: spuren-sichtbar-machen.de ist vom Archiv zum Ausgangspunkt konkreter Bildungs- und Auseinandersetzungsprozesse geworden. Zwei Veranstaltungen im September 2026 machen das besonders deutlich – beide gehen unmittelbar auf Veröffentlichungen auf spuren-sichtbar-machen.de zurück.
So lud die Gemeinde St. Georg in Paderborn am 16. September 2026 zu einer Vortragsveranstaltung mit dem Titel „Der (verschwundene) Kreuzweg von St. Georg – Antijüdische Spuren in christlicher Kunst und die Suche nach einem verantwortungsvollen Umgang damit“ ins Pfarrheim ein. Referent war der Diplom-Theologe Damian Lazarett vom christlichen Bildungswerk Die Hegge. Ausgangspunkt waren die Recherchen und Veröffentlichungen auf spuren-sichtbar-machen.de zu den antijüdischen Darstellungen des inzwischen entfernten Kreuzwegs von St. Georg. Die Gemeinde nahm die Dokumentation sowie die Entfernung der Kreuzwegbilder zum Anlass, sich der eigenen Geschichte nicht nur zu stellen, sondern sie öffentlich zu thematisieren – gemeinsam mit Fachkundigen und Gemeindemitgliedern.
Nur eine Woche später, am 23. September 2026, folgte die Gemeinde St. Margaretha in Paderborn-Dahl: In einer Informationsveranstaltung stellte sie sich der Auseinandersetzung mit den judenfeindlichen Codes in ihren eigenen Kreuzwegbildern. Es sprachen Benedikt Körner, Referent für Interreligiösen Dialog im Erzbistum Paderborn, zur Entwicklung der christlichen Judenfeindschaft, sowie Dirk Damm, Mitarbeiter der Beratungsstelle für Antidiskriminierungsarbeit der Diakonie Paderborn-Höxter e.V., Projektleiter von spuren-sichtbar-machen.de und Mitglied des Kompetenzverbundes Antisemitismus im Netzwerk ada.nrw, zu den judenfeindlichen Codes in den Kreuzwegbildern der Kirche St. Margaretha. Auch hier gilt: Ohne die Dokumentation und Kontextualisierung auf spuren-sichtbar-machen.de wäre der Stein nicht ins Rollen gekommen.
Beide Gemeinden haben sich auf den Weg gemacht, einen angemessenen Umgang mit den judenfeindlichen Objekten in ihren Kirchen zu finden – und sie sind keine Einzelfälle: Derzeit unterstützt das Projekt eine ganze Reihe weiterer Kirchengemeinden in NRW inhaltlich dabei, vergleichbare Prozesse voranzubringen. Diese Entwicklung zeigt, dass spuren-sichtbar-machen.de weit mehr leistet als Dokumentation und Kontextualisierung im virtuellen Raum: Das Projekt trägt das Thema aktiv an die Besitzer:innen der Objekte heran und begleitet und unterstützt sie dabei, vor Ort einen angemessenen Umgang mit diesen Zeugnissen christlicher Judenfeindschaft zu finden.
Die Erfahrungen in St. Georg und St. Margaretha zeigen, wie ein gelingender Prozess aussehen kann: hinsehen statt wegsehen, einordnen und gemeinsam mit Fachleuten und der Gemeinde einen verantwortungsvollen Weg finden. spuren-sichtbar-machen.de bietet dazu die Grundlage – die Dokumentation, die fachliche Einordnung und die Beratung vor Ort. Wir laden alle Besitzer:innen judenfeindlicher Objekte ein, diesen Weg zu gehen.
Das Titelbild zeigt Benedikt Körner (Referent für Interreligiösen Dialog im Erzbistum Paderborn) und Dirk Damm (Mitarbeiter der Beratungsstelle für Antidiskriminierungsarbeit der Diakonie Paderborn-Höxter e.V. und Projektleiter von spuren-sichtbar-machen.de) vor einem der Kreuzwegbilder in Paderborn-Dahl.
Die Kreuzwegbilder in der röm.-kath. Kirche St. Johannes Baptist in Medebach (Deifeld) bieten eine Darstellung der Leidensgeschichte Jesu, die bei genauerer Betrachtung problematische Implikationen offenbart. Sie verlagert die Verantwortung für die Hinrichtung des Jesus von Nazareth auf Jüdinnen und Juden und reproduziert damit die judenfeindliche Gottesmordlegende.
Die Gaukirche St. Ulrich in Paderborn ist ein um 1170/80 errichtetes römisch-katholisches Kirchengebäude im Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Wesentlichen handelt es sich um einen romanischen Bau, der im Laufe seiner Geschichte um bedeutende Elemente aus der Barockzeit ergänzt wurde. Innerhalb des Altarraums befindet sich jedoch auch ein Zeugnis des Antisemitismus um 1900: Ein Relief stellt jüdisch markierte Personen mit stereotypen und abwertenden Gesichtszügen dar und trägt damit antisemitische Bildvorstellungen in den sakralen Raum.
Die kanonischen Evangelien nennen drei Gruppen, die in unterschiedlicher Weise an der Festnahme, Verurteilung, Auslieferung und Kreuzigung Jesu beteiligt waren: die Römer als Besatzungsmacht, den Sanhedrin als oberstes religiöses Gremium des Judentums und die Anhänger der Sadduzäer in Jerusalem. Die übereinstimmenden Textstellen dieser Evangelien lassen klar erkennen, dass der römische Statthalter Pontius Pilatus Jesus zum Tod am Kreuz verurteilte und seine Soldaten die Kreuzigung ausführten.
Die Kreuzwegbilder in der römisch-katholischen Kirche St. Antonius Einsiedler in Wiemeringhausen zeigen auffällige Parallelen zu den bereits von spuren-sichtbar-machen.de dokumentierten Kreuzwegbildern von Franz Kaup in der Kirche St. Laurentius in Brilon (Rösenbeck). Es liegt die Vermutung nahe, dass die Bilder in Wiemeringhausen entweder direkt auf Kaups Werke zurückgreifen oder beide auf eine gemeinsame Vorlage verweisen. Unabhängig von der genauen Entstehungsgeschichte transportieren die Darstellungen jedoch antisemitische und rassistische Stereotype, die tief in den problematischen Bildtraditionen des 19. und 20. Jahrhunderts verwurzelt sind.
Die kanonischen Evangelien benennen klar die Verantwortlichen für die Festnahme, Verurteilung und Kreuzigung Jesu: Pontius Pilatus, der römische Statthalter, verurteilte Jesus zum Tod am Kreuz, und römische Soldaten führten die Hinrichtung aus.1 Außerbiblische Quellen bestätigen, dass allein die Römer das Recht zur Verhängung der Todesstrafe besaßen. Für Jüdinnen und Juden galt die Kreuzigung zudem als Zeichen des Verfluchtseins durch Gott.2
Die Kreuzwegstationen in St. Katharina in Assinghausen reproduzieren dennoch die Gottesmordlegende, indem sie die Verantwortung und Durchführung der Kreuzigung Jesu auf Jüdinnen und Juden verlagern.
Die kanonischen Evangelien benennen klar die Verantwortlichen für die Festnahme, Verurteilung und Kreuzigung Jesu: Der römische Statthalter Pontius Pilatus verurteilte Jesus zum Tod am Kreuz, und römische Soldaten führten die Hinrichtung aus.1 Außerbiblische Quellen bestätigen, dass allein die Römer das Recht zur Verhängung der Todesstrafe besaßen. Für Jüdinnen und Juden galt die Kreuzigung zudem als Zeichen des Verfluchtseins durch Gott.2
Die Kreuzwegstationen in St. Margaretha in Paderborn-Dahl greifen dennoch auf judenfeindliche Narrative zurück, die eine Beteiligung von Jüdinnen und Juden an der Kreuzigung Jesu nahelegen.
Vor drei Jahren, am 27. März 2023, ging die Webseite spuren-sichtbar-machen.de online. Was als bescheidenes Pilotprojekt für vier Objekte im Kreis Höxter begann, hat sich zu einer der wichtigsten Plattformen für die Dokumentation und Aufarbeitung judenfeindlicher Objekte in Nordrhein-Westfalen entwickelt. Heute, zum dreijährigen Jubiläum, blicken wir auf eine Entwicklung zurück, die alle ursprünglichen Erwartungen übertroffen hat.
Wer bin ich und was macht mein Leben aus? Diese Fragen stellt das Modellprojekt Fixing The Boat – Finding Identity – das erste Escape Room Game in Europa, das jüdisches Leben und Identitäten erfahrbar macht.
Die innovative Bildungsreise wurde von SABRA, der Beratungsstelle für Antidiskriminierungsarbeit der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, entwickelt.
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