Red Flag: Der Judenhut

Wer sich mit Objekten christlicher Judenfeindlichkeit befasst, dem begegnen immer wieder Judenhüte. Der Begriff “Judenhut” bezieht sich auf ikonografische Darstellungen eines breitkrempigen Hutes mit halbkugeliger oder konischer Form sowie häufig einem Knauf auf dem Scheitel, der auch als “pileum cornutum” oder gehörnter Hut bezeichnet wird. Ab dem 11. Jahrhundert wurde dieser Hut in Abbildungen verwendet, um Personen als Juden zu kennzeichnen.

Wann immer die ada.kreis-höxter die Besitzerinnen von historischen Objekten mit Judenhüten diesbezüglich adressierte, kam fast reflexartig der Einwand, dass das betreffende Objekt ja nicht (zwangsläufig) judenfeindlich sei, nur weil es die Abbildung eines Judenhuts beinhalte. Das ist zwar richtig, aber bei genauerer Untersuchung zeigt sich, dass es sich häufig um eindeutig judenfeindliche Botschaften handelt. Auch wenn nicht jede Darstellung eines Judenhuts judenfeindlich ist, kann ein Judenhut ein Hinweis – eine Red Flag – sein, dass hier genauer hingesehen werden sollte. Grund genug, sich mit dem Judenhut als solchem genauer zu befassen.

Entstehung aus der phrygischen Mütze

Die älteste bekannte Darstellung von Judenhüten stammt aus dem Jahr 1015. Sie ist in dem kostbaren Bernwardevangeliar des Bernward von Hildesheim zu finden. Dieses zeigt Johannes den Täufer mit seinen Zuhörern, die Heiligen Drei Könige, Judas Iskariot sowie die diesen auszahlenden Priester. Alle diese Personen tragen einen Judenhut. Aus der Abbildung der Heiligen Drei Könige mit dem Hut schließt Sara Lipton, dass der Hut in diesem Werk noch nicht als Markierung für Juden diente, sondern als ikonografisches Motiv für die östliche Herkunft, das Alter und die Bildung der abgebildeten Personen. Lipton identifiziert den Judenhut in den Abbildungen für Bernward mit der phrygischen Mütze, die in byzantinischen Abbildungen Verwendung fand. Eine systematische Umwertung des Judentums in der christlichen Ikonographie fand in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts statt. Praktisch gleichzeitig gibt es erste Kreuzigungsszenen, auf denen Juden explizit als solche mit dem Judenhut dargestellt und als schuldig und böse konnotiert werden.1

Kennzeichen für Juden in der christlichen Kunst

Um 1056 wurde im Kloster Reichenau erneut der spitze Hut verwendet, der von den Priestern und Ältesten getragen wurde, die über die Hinrichtung Jesu berieten.2 In der um 1100 errichteten Kirche von Jelling in Dänemark gibt es eine Abbildung von Johannes dem Täufer, die offensichtlich direkt aus dem Bernwardevangeliar abgezeichnet wurde, einschließlich der spitzen Hüte seiner Zuhörer. Im Jahr 1084 war der Mönch Goderan in der Abtei Lobbes im heutigen Belgien der erste, der den spitzen Hut auch in seinen Initialen zum Alten Testament verwendete.3 1096 fertigte Goderan eine weitere Bibel für das Kloster Stablo an und verwendete erneut den spitzen Hut. Diese Bibel wird heute in der British Library aufbewahrt und galt lange Zeit als die erste Abbildung des Judenhuts.

Der Prophet Daniel. Glasmalerei im Augsburger Dom, um 1100
Der Prophet Daniel. Glasmalerei im Augsburger Dom, um 1100

Glasmalerei im Augsburger Dom: Prophet Daniel, um 1100, Abbildung gemeinfrei

Aufgrund der Entstehung während des ersten Kreuzzuges, der von Judenverfolgungen geprägt war, wurde diese Ikonografie als grafische Darstellung von Antijudaismus interpretiert.4 Allerdings widerspricht Lipton dieser Ansicht. Für sie stellen Goderans Initialen eine Darstellung von Alter, Wissen und Erfahrung dar und weisen auf den östlichen Kulturkreis hin. Beides war zu seiner Zeit positiv konnotiert, sodass die Abbildungen nach Lipton eine Hinwendung zum Osten und den Ereignissen der Evangelien bezeugen, ohne eine Ablehnung darzustellen.5

Auffindung des hl. Kreuzes, aus dem Weißenauer Passionale; Fondation Bodmer, Coligny; Cod. Bodmer 127, fol. 53v
Auffindung des hl. Kreuzes, aus dem Weißenauer Passionale; Fondation Bodmer, Coligny; Cod. Bodmer 127, fol. 53v

Auffindung des hl. Kreuzes, aus dem Weißenauer Passionale; Fondation Bodmer, Coligny; Cod. Bodmer 127, fol. 53v, vor 1200, Abbildung gemeinfrei

Kennzeichen zur Ab- und Ausgrenzung von Juden

Es wird angenommen, dass in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine systematische Umwertung des Judenhuts in der christlichen Ikonographie stattgefunden hat. Eine bedeutende Rolle spielte dabei die kontroverse Autobiographie von Hermann von Köln, die unter dem Titel “De conversione sua opusculum” um 1170 verbreitet wurde. Hermann, ein ehemaliger Jude, der zum Christentum konvertiert war und zum Prämonstratenser im Kloster Cappenberg wurde, beschrieb erstmals Juden als unwissend und fehlgeleitet, die nichts von Christus gehört haben oder hören wollen. Nahezu zur gleichen Zeit erscheinen auch die ersten Darstellungen von Kreuzigungsszenen, in denen Juden explizit mit dem Judenhut gekennzeichnet und als schuldig und böse dargestellt werden.6 Eine besonders prominente Darstellung findet sich in der Glossierung zu Psalm 68 von Petrus Lombardus.7

Antijüdische Darstellung der Kreuzigung Christi. Katharinenkapelle in Landau in der Pfalz, nach 1350
Antijüdische Darstellung der Kreuzigung Christi. Katharinenkapelle in Landau in der Pfalz, nach 1350

Katharinenkapelle zu Landau in der Pfalz: Judenfeindliche Darstellung der Kreuzannagelung Christi, nach 1350, Lizenz der Abbildung: CC BY-SA 3.0

Auf diese Weise etablierte sich die klassische ikonographische Verwendung des Judenhuts, der in den nächsten Jahrzehnten als das entscheidende Attribut für die Darstellung von Juden in der christlichen Kunst fungierte. Zu dieser Zeit hatte die Verwendung des Judenhuts in der christlichen Ikonographie ihren Höhepunkt erreicht. Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts und verstärkt im 14. Jahrhundert wurde stattdessen eine physiognomische Kennzeichnung für Juden eingeführt. Besonders prägend war dabei das verzerrte Bild des Juden mit einer Hakennase.8 Diese Darstellungsform wurde bis in das Spätmittelalter fortgeführt und ist bis in die heutige Zeit erhalten geblieben.

Verwendung nicht nur in der christlichen Kunst

Die Entscheidung, den Judenhut als Attribut zu verwenden, basiert auf einer Kopfbedeckung, die im Alltag von Juden getragen wurde. Es ist nicht einfach, die tatsächliche Verbreitung des Judenhuts, seine Tradition und seine freiwillige Natur aus den Quellen zu erkennen. Im Jüdischen Lexikon von 1930 wird der Judenhut nur als vorgeschriebene Kleidung erwähnt.9 In der historischen Literatur hingegen gilt er als eine über lange Zeit hinweg freiwillig und selbstbestimmt gewählte typische Kopfbedeckung der deutschen Juden.10 Dafür spricht, dass er auch als Symbol auf Siegeln, Wappen und Münzen verwendet wurde. Selbst in jüdischen Handschriften wurde der Judenhut als Illustration genutzt.11

Siegel der jüdischen Gemeinde Augsburg, 1298. Es zeigt den kaiserlichen Adler und den Judenhut
Siegel der jüdischen Gemeinde Augsburg, 1298. Es zeigt den kaiserlichen Adler und den Judenhut

Siegel der jüdischen Gemeinde Augsburg, 1298. Es zeigt den kaiserlichen Adler und den Judenhut, Abbildung gemeinfrei

Von der jüdische Tracht zum Stigma

Eine spezifisch jüdische Tracht entwickelte sich erst im Laufe der Jahrhunderte. Anfangs trugen Juden die gleiche Kleidung wie ihre nicht-jüdischen Mitbürger. Der Judenhut entstand aus der phrygischen Mütze, die vor allem im vorderen Orient zusammen mit dem Kaftan eine gängige Kleidung war. Während die Muslime den Turban annahmen, blieben die Juden bei dieser traditionellen Kopfbedeckung. Der Hut gelangte vermutlich über Spanien oder Byzanz nach Europa.

Bereits im 9. Jahrhundert beschwerte sich Erzbischof Agobard von Lyon (779-840) darüber, dass einige jüdische Frauen nicht mehr durch ihre Kleidung als Juden erkennbar seien. Auf der anderen Seite legte eine Rabbinerversammlung im Rheinland zu Beginn des 13. Jahrhunderts als religiöses Gebot (Taqqanah) fest, dass Haar und Bart in “jüdischer Fasson” getragen werden sollten und keinesfalls christliche Barttrachten imitiert werden dürften.12 Die Entwicklung einer spezifischen Tracht erfolgte also sowohl aus einer internen Tradition heraus als auch als Antwort auf die Notwendigkeit der Abgrenzung von außen. Erst als Juden aus assimilatorischen Bestrebungen heraus diese spezifische Tracht in großem Maßstab aufgeben oder verändern wollten, entstand ein erheblicher Druck seitens der christlichen Gemeinschaft.

Im Rahmen des Vierten Laterankonzils von 1215 unter Papst Innozenz III. wurde gefordert, dass nicht-christliche Bevölkerungsgruppen wie Juden und “Sarazenen” (gemeint waren Muslime) verpflichtet werden, ein stigmatisierendes Kennzeichen zu tragen. Diese Forderung wurde damit begründet, dass sie in einigen Teilen Europas nicht mehr von Christen zu unterscheiden seien.13 Es ist wichtig anzumerken, dass diese Forderung nicht direkt an die Juden selbst gerichtet war, sondern an die weltliche Macht. Denn nur diese hatte die Befugnis, Vorschriften für nicht-christliche Bevölkerungsgruppen zu erlassen. Das genaue Aussehen des Kennzeichens wurde vom Konzil nicht festgelegt. In der Regel richteten daraufhin Partikularkonzilien entsprechende Forderungen an ihre Landesherren, in denen oft konkrete Merkmale gefordert wurden. Diese Forderungen umfassten einen speziellen Umhang, der 1295 in Perpignan vorgeschrieben wurde, einen Talar in Aragonien und auch den spitzen Judenhut, der sowohl von der Synode von Breslau als auch von der Synode von Wien im Jahr 1267 vorgeschrieben wurde.14

Der “Schwabenspiegel”, als kaiserliches deutsches Landrecht außerhalb Sachsens ab 1270/75, verlangte ausdrücklich den Judenhut als Kennzeichen. In Italien wurde im 15. Jahrhundert ein gelber Hut obligatorisch. Für jüdische Frauen wurden Schleier als Kennzeichen vorgegeben, wie es beispielsweise in einer päpstlichen Bulle von 1257 sowie in den Konzilien von Ravenna 1311 und Köln 1442 festgelegt wurde. Im Jahr 1360 wurde in Rom allen jüdischen Frauen ein roter Rock vorgeschrieben, während in Köln ab 1404 besonders lange Umhänge, die als “Heuken” bezeichnet wurden, getragen werden mussten.15

Darstellung eines Judenhuts in der Frankfurter Judenordnung (Stättigkeit) (1613). Die Pflicht den Hut zu tragen, war um diese Zeit schon aufgehoben.
Darstellung eines Judenhuts in der Frankfurter Judenordnung (Stättigkeit) (1613). Die Pflicht den Hut zu tragen, war um diese Zeit schon aufgehoben.

Frankfurter Judenordnung (Stättigkeit) von 1613: Darstellung eines Judenhuts, Abbildung gemeinfrei

Es kam vor, dass das Tragen eines Judenhuts als Strafe auch Nicht-Juden auferlegt wurde. Dies traf Personen, die eine sexuelle Beziehung mit Juden eingegangen waren oder der Wucherei beschuldigt wurden.16 Im Kontext der Pest 1349 wurden Juden aus dem deutschsprachigen Raum vertrieben. Ab diesem Zeitpunkt lässt sich eine Übertragung feststellen. Naomi Lubrich zeigt, wie der spitze Hut in der Ikonographie auf Kriminelle, Heiden und andere nichtchristlichen Außenseiter übertragen wurde, darunter Zauberer und Zwerge.17 Dokumentieren lassen sich Gesetze, etwa in Ungarn 1421, nach denen Menschen, die der Zauberei überführt wurden, zur öffentlichen Beschämung einen spitzen Hut aufsetzen müssen.

Aufgrund des ständigen Wandels in der Mode wurden diese Kennzeichen immer wieder überholt, da beispielsweise rote Röcke bei allen Bevölkerungsschichten beliebt wurden und somit nicht mehr als Stigma dienen konnten. Daher wurde ab 1227 ein spezifisches Abzeichen als verbindliches Merkmal eingeführt und in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten zunehmend weit verbreitet. Diese Vorschriften wurden in Kulturen erlassen, in denen Juden in der Regel die gleiche Kleidung wie ihre Mitmenschen trugen. Die erste bekannte Regelung stammt aus England im Jahr 1218, gefolgt von Kastilien im Jahr 1219, der Provence im Jahr 1234 und dem Kirchenstaat im Jahr 1257. In England wurde ein weißer Aufnäher in Form der beiden Gesetzestafeln vorgeschrieben, während in den meisten anderen Ländern ein gelber Ring, später oft ein rot-weißer Ring, verwendet wurde.18

Konklusion

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Judenhut an sich zwar nicht judenfeindlich ist, der Kontext in dem er gezeigt wird jedoch häufig eine antijüdische Botschaft transportiert. Es ist daher ratsam genauer und kritisch hinzusehen, wenn ein Judenhut abgebildet ist.


1 vgl. Lipton, Sara (2014): Dark Mirror, The Medieval Origins of Anti-Jewish Iconography, New York, Seite 25 ff.
2 vgl. Evangelistar Heinrichs IV. (?), Zwei Szenen: Die sich beratenden Juden. Kupferstichkabinett Berlin, Ident.Nr. 78 A 2, fol. 26 verso, in: https://recherche.smb.museum/detail/1551829, Stand: 15.5.2023
3 vgl. Lipton, Sara (2014): Dark Mirror, The Medieval Origins of Anti-Jewish Iconography, New York, Seite 46 ff.
4 vgl. Blumenkranz, Bernhard (1966): Le Jiuf médiéval au miroir de l’art chrétien, Paris, Seite 13ff.; vgl. Lipton, Sara (2014): Dark Mirror, The Medieval Origins of Anti-Jewish Iconography, New York, Seite 23
5 vgl. Lipton, Sara (2014): Dark Mirror, The Medieval Origins of Anti-Jewish Iconography, New York, Seite 54, 99
6 vgl. Lipton, Sara (2014): Dark Mirror, The Medieval Origins of Anti-Jewish Iconography, New York, Seite 99 ff.
7 vgl. Initial zu Psalm 68. Saralipton.com, Peter Lombard 1166, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, ms. a. 244, fol. 113v, in: https://static.macmillan.com/static/holt/darkmirror/images/gallery/3-03.jpg, Stand: 15.5.2023
8 vgl. Lipton, Sara (2014): Dark Mirror, The Medieval Origins of Anti-Jewish Iconography, New York, Seite 171 ff.
9 vgl. M. G. (1930): Trachten der Juden, in: Jüdisches Lexikon, Band 4
10 vgl. Jütte, Robert (1993): Stigma-Symbole – Kleidung als identitätsstiftendes Merkmal bei spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Randgruppen (Juden, Dirnen, Aussätzige, Bettler), in: Saeculum, Band 44, Seiten 65–98, 69–73
11 vgl. Keil, Martha (2013): „Jüdische“ Kleidung zwischen Selbstrepräsentation und Zwangskennzeichnung. in: Universität Salzburg: Handbuch jüdische Kulturgeschichte
12 vgl. Jütte, Robert (1993): Stigma-Symbole – Kleidung als identitätsstiftendes Merkmal bei spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Randgruppen (Juden, Dirnen, Aussätzige, Bettler), in: Saeculum, Band 44, Seiten 65–98, 69–73
13 vgl. Lipton, Sara (2014): Dark Mirror, The Medieval Origins of Anti-Jewish Iconography, New York, Seite 158 ff.
14 vgl. Keil, Martha (2013): „Jüdische“ Kleidung zwischen Selbstrepräsentation und Zwangskennzeichnung. in: Universität Salzburg: Handbuch jüdische Kulturgeschichte
15 vgl. Jütte, Robert (1993): Stigma-Symbole – Kleidung als identitätsstiftendes Merkmal bei spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Randgruppen (Juden, Dirnen, Aussätzige, Bettler), in: Saeculum, Band 44, Seiten 65–98, 69–73
16 vgl. M. G. (1930): Trachten der Juden, in: Jüdisches Lexikon, Band 4
17
18 Rubens, Alfred (1967): A history of Jewish costume, Valentine, Mitchell & Co, Seite 110 ff.